Initiative Gentechnikfreies Osnabrücker Land

ecovillage e.v.

 
       
Percy Schmeiser aus Kanada war in Glandorf !
 

Artikel

Gentechnik: Segen oder Fluch?

Wie Monsanto die Welt beherrschen will



Es muss vor etwa zehn Jahren gewesen sein, dass ich den Begriff "Gentechnik" zum ersten Mal bewusst hörte. Ich war zu einer Lifesendung beim ZDF über zukünftige Entwicklungen eingeladen. Eine Akteurin strich die vermeintlichen Vorteile der Technik vor allem mit dem Argument heraus, hiermit könne dem Hunger in der Dritten Welt begegnet werden. Während der letzten, rot/grünen Regierung in Berlin wurde das erste Gentechnikgesetz gemacht (2004).

Aufgrund der Lektüre von Presseartikeln verfügte ich inzwischen über grundsätzliche Kenntnisse bzgl. der infrage stehenden Zusammenhänge. Ich schrieb der damaligen Verbraucherministerin, Frau Künast, einen Brief mit dem Hinweis, dass die geringen vorgesehenen Abstandsflächen zwischen natürlichen und Gentechpflanzen wohl nicht ausreichen würden, um Übertragungen von GVOs (gentechnisch veränderten Organismen) auf herkömmliche Pflanzen auszuschließen. Anfang letzten Jahres bekam ich vom DNR (Deutscher Naturschutzring) alarmierende Mails, aus denen die großen Gefahren und erheblichen Nachteile der grünen oder Agro-Gentechnik hervorgingen. Ein Grüner Politiker sagte mir, dass es in der Nähe von Osnabrück schon eine kleine Gruppe von Landwirten gebe, die sich mit dem Thema befasse. So gründeten wir gemeinsam Mitte 2007 die "Initiative Gentechnikfreies Osnabrücker Land". Im Oktober hatten wir den brasilianischen Experten Dr. Antonio Andrioli zu einem gut besuchten Vortrag zu Gast und Anfang 2008 veranstalteten wir eine Podiumsdiskussion mit LandtagskandidatInnen zum Thema. Jetzt haben wir zusammen mit der entsprechenden Initiative aus der Nachbarstadt Münster vereinbart, dass der Träger des alternativen Nobelpreises und kanadische Bauer, Percy Schmeiser, im Juni hier in der Region einen Vortrag hält.

Im Gegensatz zur herkömmlichen Züchtung werden bei der Gentechnik zur Erreichung gewünschter Eigenschaften über Artgrenzen hinweg fremde Gene in die Gensequenzen der entsprechenden Pflanze eingebaut. Ethisch gesehen ist dies ein Eingriff in die Schöpfung. Entsprechendes Saatgut muss bei den Agromulties zugekauft werden. Es handelt sich hier um ein Oligopol von Firmen, die den Weltmarkt beherrschen, allen voran Monsanto ("no food shall be grown that we don`t own") mit einem Marktanteil von etwa 90%. Ferner sind als wesentlich zu nennen Syngenta, Pioneer, DOW, Dupont, BASF und Bayer.

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen grüner (Pflanzen-/Agro-), roter (Tiere) und weißer (medizinischer) Gentechnik. In diesem Artikel soll die Agro- und ansatzweise die rote Gentechnik behandelt werden. Bei der medizinischen Gentechnik handelt es sich um die Herstellung von Medikamenten in geschlossenen Systemen. Es wird davon ausgegangen, dass hier bei qualifizierter Vorgehensweise im Prinzip keine Gefahr zu erwarten ist, obschon es in den USA mit mindestens einem Medikament Probleme gab und die Fa. Showa Denko zwei Milliarden Dollar Schadenersatz an über 2000 PatientInnen zahlte (Jeffry M. Smith: "Trojanische Saaten").

Parallel zur Gentechnik ist die Problematik der Patentierung zu sehen. Anträge auf Erteilung von Patenten auf DNS von Pflanzen und Tieren (aber auch Menschen) werden offensichtlich von den Patentämtern erteilt. Somit beanspruchen die Agro-Chemiekonzerne das Exklusivrecht auf ihre Produkte. Dies hat in nicht so wenigen Fällen dazu geführt, dass Bauern, auf deren Feldern Genpflanzen gefunden wurden, ohne dass sie wissentlich entsprechende Saat eingesetzt hatten, Strafen z.B. an Monsanto zahlen mussten. Diese Firma ist dafür bekannt, dass sie sogar Detektive einsetzt, um entsprechende Fälle herauszufinden.

Die gesetzlich vorgeschriebenen Abstandsflächen von 150 m zwischen Genfeldern und konventionell bewirtschafteten Flächen sowie 300 m zu Bioanbau sind nicht ausreichend um zu verhindern, dass Genpollen übertragen werden. Bienen können Pollen über bis zu zehn km transportieren, der Wind noch sehr viel weiter. Weitere Übertragungsmöglichkeiten von GVOs ergeben sich durch Verluste bei Transport von Ernte oder Saatgut bzw. unsauberer Bearbeitung bei Saatgutfirmen. Wenn erst einmal unbeabsichtigt Genpflanzen auf einem Acker gewachsen sind, kann es im nächsten Jahr zu Durchwuchs und damit erneutem Auftreten von unerwünschten GVO-Pflanzen kommen. Das Ergebnis wäre, dass konventionelle und Biofelder irgendwann genbelastet sein könnten und die Ernte nicht mehr als gentechnikfrei zu bezeichnen wäre. Derartig betroffene Landwirte hätten also einen wirtschaftlichen Schaden. Und die VerbraucherInnen würden - wahrscheinlich unwissend - Gennahrung zu sich nehmen.

Eine in ihren Auswirkungen noch nicht vollständig erkannte weitere große Gefahr besteht darin, dass die genveränderten Organismen auch transgene DNS erzeugen. Diese können durch sogenannte horizontale Verbreitung ihre veränderten Gensequenzen auf andere Arten (Pflanzen, Tiere, Menschen) übertragen. Die Folgen sind hier überhaupt nicht abschätzbar.

Bei den Genpflanzen, die zum kommerziellen Einsatz freigegeben sind handelt es sich um Mais, Soja, Raps, Reis und Baumwolle. Auf Versuchsfeldern werden Kartoffeln, Weizen, Erbsen, Zuckerrüben, Tabak und Wein angebaut. Auch mit Obstbäumen wird experimentiert. In Frankreich, Polen, der Schweiz, Österreich und Griechenland ist Genmais inzwischen verboten.

Hinsichtlich der roten Gentechnik werden z.B. Kühen entsprechende Hormone gespritzt, damit sie mehr Milch geben. Unter anderem traten hierdurch Euterentzündungen auf, in deren Folge Verunreinigungen in die Milch gelangten. Ferner werden Fische gentechnisch verändert, damit sie schneller wachsen und größer werden. Tatsächlich entkommen hin und wieder genveränderte Fische aus ihren Unterwasserkäfigen. Welche Folgen eine Vermischung mit normalen Fischen hat, ist unbekannt. Z.Z. versuchen Agro-Chemiekonzerne, Patente auf Schweine zu erlangen. Dies würde bedeuten, dass schon jetzt zur Zucht eingesetztes Borstenvieh dem Patentinhaber gehören würde und die entsprechenden Landwirte Gebühren an den Konzern bezahlen müssten. Auf Kuhgene gibt es schon Patente.

Europa ist noch weitestgehend von Gentechnik frei. Nennenswert wird nur angebaut in Rumänien und Spanien. In Deutschland gibt es nur auf 0,15 % der Flächen entsprechende Pflanzen (kommerziell nur Mais, sonst Versuchsanbau) und eine große Anzahl von Initiativen für gentechnikfreie Regionen. Es kann davon ausgegangen werden, dass Europa noch vollständig wieder gentechnikfrei gemacht werden kann. In Ländern wie USA, Kanada, Brasilien, Argentinien, Indien, China und Südafrika ist die Situation soweit fortgeschritten, dass die Entwicklung wohl nicht mehr zurückzuholen ist.

Was sind nun tatsächlich die Gefahren und Nachteile der Gentechnik?

Bei Ernährungspflanzen (Agro-Gentechnik) um die es hauptsächlich geht, werden Gensequenzen so verändert, dass z.B. Mais ständig ein eigenes Pestizid gegen den hierzulande allerdings fast nicht vorhandenen Schädling Maiszünsler bildet. Dieses Pestizid geht natürlich auch in den Boden und ins Grundwasser. Reste verbleiben in den Maiskörnern. Wie diese Giftstoffe auf Menschen und Tiere wirken, ist nur zum Teil bekannt. Bekannt geworden sind Einzelfälle, bei denen z.B. US-Farmer festgestellt haben, dass bei Verfütterung von Gen-Mais an Kühe diese unfruchtbar geworden sind. Nach Fütterungsversuchen mit verschiedenen Genfrüchten wurden bei Mäusen Lungenentzündungen sowie Leber- und Enzymveränderungen, bei Ratten Nierenerkrankungen, Wachstumsstörungen und Veränderungen des Immunsystems festgestellt und bei Schweinen wurde das Toxin des Maispestizids in Darm und Kot gefunden. Auf den Philippinen sind Menschen erkrankt, die in der Nähe von Genmaisfeldern wohnten; von Genmais wurden auch Allergien ausgelöst (Jeffrey M. Smith: "Trojanische Saaten"). Wenn die Gensequenzen dergestalt verändert sind, dass die Pflanzen resistent sind gegen Herbizide - dies ist eine andere Spielart - kann ein bestimmtes Herbizid (z.B. Roundup der Fa. Monsanto) gegen alle "Unkräuter" eingesetzt werden, ohne dass die Fruchtpflanze Schaden nimmt. Die Erfahrung hat allerdings gezeigt, dass immer mehr Glyphosat (so der Name des Grundstoffs) eingesetzt werden muss, da die Beikräuter hiergegen resistent werden. Diese Chemie geht natürlich auch in Boden und Grundwasser. Durch Pflanzen erzeugte Pestizide und große Mengen Gift gegen Beikräuter führen auch dazu, dass nützliche Kleinlebewesen abgetötet werden. Hinsichtlich der Verabreichung entsprechender Mittel an Kühe zwecks Leistungssteigerung, wird eine konkrete Krebsgefahr bei den KonsumentInnen der Milch gesehen (Jeffrey M. Smith: "Trojanische Saaten").

Da es keinen Schwellenwert bei Saatgut gibt, sieht das geltende Recht vor, dass hier auch der kleinste Anteil Gentechnik gekennzeichnet werden muss. Futtermittel müssen bei über 0,9 % GVOs pro Komponente die entsprechende Angabe führen. Bei pflanzlichen Lebensmitteln ist jeder GVO-Anteil anzugeben. Tierprodukte könnenmit "ohne Gentechnik" gekennzeichnet werden, wenn die Futtermittel keinen Hinweis auf Gentechnikgehalt trugen. Der größte Teil angebauter Genpflanzen wird verfüttert. Honig, Fleisch, Eier, Milch und Produkte aus diesen brauchen auch dann nicht mit "enthält Gentechnik" gekennzeichnet zu werden, wenn die Tiere mit GVO-Pflanzen gefüttert wurden. Gesetzeslücke! Einfallstor für Kontamination! Alle Produkte mit dem EU BIO Zeichen sind GVO-frei! Weitere Hilfe: Greenpeace Einkaufsratgeber "Essen ohne Gentechnik".
Alle Lebensmitteln zugesetzten genmäßig hergestellten Aromen und Enzyme werden nicht auf dem Endprodukt angegeben. Ein weiterer Graubereich sind Gen-Vitamine und entsprechende Nahrungsergänzungsmittel, obwohl selbst US-BürgerInnen hier mit überwältigender Mehrheit eine Kennzeichnung fordern.

Abschließend kann man sagen, dass die Mär von höheren Erträgen nicht stimmt. Ernten fallen bei gentechnisch veränderten Pflanzen sogar oft geringer aus. Der Hunger in der Dritten Welt kann auf diese Art sicher nicht gestillt werden. Unabhängig davon handelt es sich hier um ein Verteilungsproblem: grundsätzlich sind genug Lebensmittel auf der Welt vorhanden, um alle satt zu machen. Bekannt ist, dass nicht wenige indische Bauern sich das Leben genommen haben, weil Gen-Baumwollpflanzen erheblich weniger trugen als vorher die natürliche, Standort angepasste Saat. Eine in den USA auf den Markt gebrachte Tomate, der man, um eine längere Haltbarkeit zu erreichen, Gene von Fischen eingepflanzt hatte, ließ sich nicht verkaufen, da sie komisch schmeckte.
Die wesentlichsten Nachteile sind aber, dass die Gentechnik letztlich eine nicht unerhebliche Gesundheitsgefahr für Menschen und Tiere darstellt. Vor allem durch die Patente der Agromulties entstehen höhere Kosten, hauptsächlich wegen teurerem Saatgut (bei sogenanntem Terminatorsaatgut würde zurückbehaltene Saat nicht wieder aufgehen), die sich durch Verteuerungen bei Lebensmitteln mehr und mehr bemerkbar machen werden. Als "Vorteile" könnten eigentlich nur die höheren Gewinne von Monsanto und Co ausgemacht werden. Unterm Strich kann festgestellt werden, dass man die Gentechnik - mindestens was Ernährung anbelangt - nicht als Segen, sondern wohl eher als Fluch bezeichnen muss.

Überhaupt ist es erstaunlich, dass vor dem Hintergrund, dass 80 % der BundesbürgerInnen Gentechnik ablehnen, der Gesetzgeber Genmais kommerziell und andere Pflanzen versuchsweise zulässt.


Rolf Brinkmann
ecovillage e.V./Initiative Gentechnikfreies Osnabrücker Land
Diepholzer Str. 2
49088 Osnabrück
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